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Der Drachenreiter


I


Der Wind fuhr Ka'aruan durch das schulterlange pechschwarze Haar. Er genoss diese Momente der Freiheit, wenn er unterwegs war. Auf dem Rücken seines blauen Drachen Baralan flog er die Südküste Lemuriens entlang, auf dem Weg zum südlichsten Dorf des Kontinents.

Mit seinem Drachen verband ihn etwas ganz Besonderes. Als junger Bursche hatte er das herrenlose Drachenei gefunden. Er hatte es nicht übers Herz gebracht, das Ei seinem Schicksal zu überlassen. So hatte er das Ei über mehrere Tage beobachtet, warmgehalten und vor Räubern geschützt. Als kein Drache erschien, um sich um das Ei zu kümmern, hatte er es kurzerhand mitgenommen.

Hinter seinem Elternhaus gab es einen Platz, der den ganzen Tag von der Sonne beschienen wurde. Dort hatte er im Sand eine Art Nest gebaut, und das Ei dort abgelegt. Ka'aruan hatte das Ei mit dem warmen Sand bedeckt und gewartet. Als er schon fast die Hoffnung aufgegeben wollte, immerhin waren viele Tage vergangen, hatte das Ei sich urplötzlich bewegt. In der Schale erschienen Risse und plötzlich platzte die Schale auf.

Ein kleiner blauer Drache befreite sich aus den Eierschalen und tapste kläglich fiepend auf ihn zu. In seinem Kopf schwirrte nur ein Gedanke herum: HUNGER !!!
Er hatte den Jungdrachen mit allem, was er in die Finger bekommen hatte, gefüttert, bis der Kleine sich satt und zufrieden an ihn gekuschelt hatte und eingeschlafen war. Ein Lächeln huschte über Ka'aruans Gesicht, als er daran dachte.

Sehr schnell hatte er festgestellt, dass er sich auf gedanklicher Ebene mit Baralan verständigen konnte. Der Drache konnte nicht nur Ka'aruans Gedanken lesen, sondern sich ihm auch auf die gleiche Art mitteilen.
Er hatte den blauen Drachen großgezogen. In dieser Zeit fand er heraus, dass Baralan ihn auch auf seinem Rücken reiten ließ. Er lernte, auf dem Drachen zu fliegen. Die beiden wurden ein gutes Gespann und waren oft zusammen unterwegs.

Es sprach sich bald herum, dass Ka'aruan einen Drachen besaß, und auf ihm herumflog. Die Kunde gelangte schließlich auch zu den Drachenreitern Lemuriens. Die Drachenreiter waren die Instanz in Lemurien, welche Recht und Gesetzt wiederherstellte. Sie unterstanden nur dem Rat und waren ansonsten unabhängig. Die Drachenreiter genossen hohes Ansehen in Lemurien und waren auch in anderen Ländern bekannt und berühmt. Eines Tages waren 2 Drachenreiter an seinem Elternhaus erschienen und hatten ihm angeboten, den Drachenreitern beizutreten.

Dies war eine große Ehre, und so ging Ka'aruan mit ihnen. Er erhielt eine intensive und vollständige Ausbildung. Während der Ausbildung stellte sich heraus, dass Ka'aruan und Baralan ein ganz besonderes Gespann waren. Niemand konnte besser mit einem Drachen umgehen. Die beiden bildeten beim Fliegen und auch sonst eine Einheit, fast so, als wären sie nur ein einziges Wesen.
Schließlich wurde Ka'aruan nach erfolgreich beendeter Ausbildung und bestandener Prüfung ein vollwertiger Drachenreiter.

Über die Jahre hatte er im Dienste der Drachenreiter eine Menge Abenteuer erlebt. Jetzt war er auf dem Weg zum südlichsten Dorf Lemuriens. Von dort war ein Hilferuf an die Drachenreiter ergangen. Sie waren bekannt dafür, dass sie keinen Hilferuf missachteten, sondern immer zu Hilfe eilten, sobald ein Ruf an sie erging. Er hatte den Auftrag bekommen, dort nach dem Rechten zu sehen.

Schnell rekapitulierte er im Geiste, was er bisher wusste. Der Fürst dieses Dorfes hatte die Drachenreiter um Hilfe gebeten, weil ein schwarzer Drache angeblich seine Tochter entführt hatte. Alle Versuche, das Mädchen aufzufinden, waren kläglich gescheitert. Mehr Informationen hatte er nicht.

Die ganze Sache kam ihm merkwürdig vor. Ihm waren zwar Fälle bekannt, in denen Drachen wirklich böse waren, und die Menschen in ihrer Umgebung terrorisiert hatten, jedoch war dies eher die Ausnahme.
In der Regel war es meistens so, dass die Drachen einen guten Grund dafür hatten, warum sie sich plötzlich gegen die Menschen wandten. Vielleicht war etwas vorgefallen, was man den Drachenreitern verschwiegen hatte. Ka'aruan würde Augen und Ohren offen halten und es schon herausbekommen.

Er widmete seiner Umgebung wieder mehr Aufmerksamkeit. Am Horizont konnte er schon die Burg über dem Dorf erkennen. Seine Reise neigte sich dem Ende zu. Als er die Burg erreichte, kreiste er ein paar mal gut sichtbar über der Burg, um seine Ankunft anzukündigen. Dann landete Baralan elegant im Burghof, faltete seine Schwingen zusammen und lies sich nieder. Ka'aruan sprang geschmeidig vom Rücken seines Freundes und marschierte in Richtung des Empfangskomitees, welches ihn vor dem Eingang zur Burg erwartete.

Er bot ein beeindruckendes Bild, wie er so Richtung Burg schritt - 1,90 m groß, von athletischer Gestalt, mit seinen rabenschwarzen, schulterlangen Haaren. Er trug eine Rüstung, um die ihn jeder normale Mensch beneidete. Sie bestand aus blauen Drachenschuppen und bot aus diesem Grund ein Maximum an Schutz, ohne ihn dabei in seiner Beweglichkeit zu behindern. Die Schuppen stammten von seinem Drachen Baralan, der regelmäßig Schuppen verlor, da diese sich immer wieder erneuerten. Um den Hals trug er an einer Kette, wie alle Drachenreiter, ein goldenes Drachenamulett. Über seiner linken Schulter war ein Schwertgriff zu erkennen, der von einem großen blauen Stein geschmückt wurde. Er trug sein Schwert "Drachentöter" immer auf dem Rücken, denn so behinderte es ihn nicht beim Fliegen.

Obwohl sein Schwert den Namen "Drachentöter" trug, hatte er damit noch nie wirklich einen Drachen getötet. Das Schwert hatte diesen Namen, weil es eine magische Waffe war, und in sich die Fähigkeit barg, wirklich einen Drachen töten zu können. Ka'aruan würde dies allerdings nur im äußersten Notfall tun, wenn ihm wirklich keine andere Wahl blieb. Er konnte nicht grundlos einen Drachen töten, dazu liebte er diese Wesen viel zu sehr.

Er erreichte die Menschen vor dem Tor. Ein Mann in prächtigen Gewändern, vermutlich der Fürst, trat auf ihn zu und verneigte sich:
"Willkommen Drachenreiter. Danke, dass Ihr so schnell erschienen seid. Ich bin Fürst Resan."

Ka'aruan verneigte sich kurz vor dem Fürsten und folgte ihm in die Burg. In einem großen, edel eingerichteten Raum setzte sich der Fürst an die große Tafel dort und bedeutete dem Drachenreiter, ebenfalls Platz zu nehmen.
Nachdem auch das Gefolge sich gesetzt hatte, stellte der Fürst die Anwesenden der Reihe nach vor. Seine Gattin Keyra, jung und liebreizend, seine rechte Hand Dorian, ein Mann mit ehrlicher Ausstrahlung und der Aura eines Kriegers. Ka'aruan wurden noch diverse andere Leute vorgestellt.

Nachdem er die Vorstellung beendet hatte, klatschte Fürst Resan in die Hände, und Diener mit Platten voller Speisen betraten den Saal.
"Esst, trinkt, lasst es Euch gut gehen. Wir wollen anschließend den Grund Eurer Anwesenheit besprechen."
Alle Anwesenden bedienten sich reichlich von den Platten. Es gab verschiedene Fleischsorten, Gemüse, Kartoffeln und Früchte. Resan ließ für seine Gäste auch einen guten Wein ausschenken. Ka'aruan aß reichlich, hielt sich aber beim Weingenuss bewusst zurück.

Als alle Anwesenden satt und zufrieden in ihren Sitzen hingen, betrat ein weiterer Mann den Raum. Ka'aruan schaute ihn an, und eine Gänsehaut überzog seinen ganzen Körper. Irgendetwas war mit diesem Mann, mit seiner Ausstrahlung, aber er konnte es nicht so recht fassen.

"Ah - Faragul. Schön, dass Ihr Euch zu uns gesellt. Darf ich Euch den Drachenreiter vorstellen? Drachenreiter - dies ist mein weiser Ratgeber und Hofmagier Faragul."
Die beiden Männer musterten sich stumm, bis schließlich Faragul eine Verbeugung andeutete, die Ka'aruan noch knapper erwiderte.

"Ich wollte dem Drachenreiter gerade den Grund für unseren Hilferuf darlegen. Setzt Euch zu uns und nehmt etwas Wein." Wortlos nahm Faragul am Tisch Platz, verschmähte jedoch den Wein und nahm stattdessen nur etwas Wasser.

"Erzählt mir von Eurem Problem Fürst Resan," brachte Ka'aruan das Gespräch wieder auf den Punkt.
"Tja verehrter Drachenreiter. Vor etwa drei Wochen erschien ein schwarzer Drache in unserer Gegend. Dies beunruhigte uns nicht, denn schließlich gingen wir davon aus, dass es sich um einen guten Drachen handelt. Vor 10 Tagen befand ich mich mit meiner Familie auf einem Ausritt in den Bergen. Als wir unterhalb des Gipfels rasteten, und uns bei einem Mahl stärkten, tauchte plötzlich dieser Drache am Himmel auf. Dann flog er in unsere Richtung. Wir erhoben uns, um ihn zu begrüßen. Nachdem er einige Male über uns kreiste, stieß er unvermittelt wie ein Raubvogel herab, packte meine Tochter Sari mit seinen Klauen und flog mit ihr davon. Seitdem suchen wir sie verzweifelt, aber bisher konnten wir sie nirgendwo finden. Der Drache wurde des öfteren in verschiedenen Gegenden und auch hier über der Burg gesichtet, aber von meiner Tochter fehlt jede Spur. Ihr müsst uns helfen Drachenreiter."

"Fürst Resan, ist vielleicht irgendetwas vorgefallen, was den Drachen erzürnt haben könnte?" fragte Ka'aruan nach. "Jede Kleinigkeit, und mag sie Euch noch so unwichtig erschienen, könnte nützlich sein."

"Nein," ergriff plötzlich Faragul das Wort. "Es ist nichts vorgefallen. Im Gegenteil, der Drache durfte sich sogar aus der fürstlichen Viehherde bedienen. Und wie hat er es dem Fürsten gedankt? Indem er einfach seine Tochter Sari entführte. Wer weiß, was er mit ihr gemacht hat."

Ka'aruan musterte Faragul eindringlich. Er wurde das Gefühl nicht los, dass der Magier ihm etwas verschwieg. Eventuell hatte er sogar selber etwas mit dieser Sache zu tun. Da Ka'aruan noch nicht über genügend Informationen verfügte, ließ er sich von seinen Zweifeln nichts anmerken, sondern nickte nur.

"Ich werde mein Möglichstes tun," versprach er. "Doch jetzt muss ich noch mal nach meinem Drachen schauen, anschließend würde ich gerne ein wenig ruhen, die Reise war schließlich lang und anstrengend." Bewusst spielte Ka'aruan die Rolle des verweichlichten Drachenreiters. Je mehr er unterschätzt wurde, desto besser. Ein falscher Eindruck konnte es ihm erleichtern herauszufinden, was wirklich vorgefallen war.

"Fühlt Euch wie zu Hause Drachenreiter," erwiderte der Fürst. Für Euch steht ein Zimmer bereit und Euer Drache kann sich jederzeit aus der Viehherde bedienen. Benötigt Ihr sonst noch etwas?"

"Danke Fürst Resan. Zu freundlich von Euch. Wir sind damit bestens versorgt." Ka'aruan erhob sich und machte sich auf dem Weg zum Burghof. Dort ging er zu Baralan, der immer noch an der gleichen Stelle lag, wo er ihn zurückgelassen hatte.
"Baralan - alter Freund," nahm Ka'aruan geistig Kontakt mit seinem Drachen auf. "Flieg ein bisschen auf Patrouille, und versuch ein wenig herauszufinden." Schnell lies er den Abend und das Gespräch mit dem Fürsten in seinem Geist Revue passieren, so dass Baralan die Informationen in seinem Geist lesen konnte.

"Ich habe das Gefühl, dass mehr hinter dieser Sache steckt. Man verschweigt uns etwas, aber ich weiß noch nicht was. Du darfst Dich übrigens auch aus der Viehherde des Fürsten bedienen, wenn Du Hunger hast."
Ka'aruan hörte ein zufriedenes Seufzen, dann vernahm er die Gedanken seines Freundes:
"Keine Sorge. Wir werden die Wahrheit schon herausfinden. Haben wir das nicht immer getan? Ich fliege jetzt los. Ruf mich, wenn Du mich brauchst. Ich werde da sein. Ansonsten komme ich zurück, so wie ich etwas herausgefunden habe."

Ka'aruan trat einige Schritte zurück, während Baralan sich erhob. Er entfaltete seine Schwingen, machte einige Schritte und erhob sich anmutig in die Luft. Er kreiste einige Male über der Burg, wie um seinem Reiter Nähe zu signalisieren, dann flog er Richtung Dorf davon.

Ka'aruan schaute ihm noch eine Weile nach, dann drehte er sich um und ging in die Burg zurück. Ein Diener führte ihn in das für ihn vorbereitete Zimmer. Nachdem er gegangen war, überlegte sich Ka'aruan sein weiteres Vorgehen. Es wäre von Nutzen, wenn er sich etwas in der Burg umschauen konnte. Er würde sich etwas hinlegen und später in der Nacht auf Erkundungstour gehen. Er legte sich auf das Bett und war sofort eingeschlafen.


II


Baralan erhob sich in die Lüfte und flog zunächst Richtung Dorf. Während er über dem Dorf kreiste, versuchte er ein paar der Gedanken der Dorfbewohner aufzufangen, um einen Anhaltspunkt zu bekommen, wo er mit seiner Suche beginnen sollte. Irgendwann schnappte er einen Gedanken auf - die Bergkette. Dort waren die Drachen häufig gesichtet worden. Die Drachen? Wieso dachte da jemand an mehrere Drachen? Ka'aruan hatte nur von einem Drachen berichtet.

Dann brach der Gedanke ab - der Dorfbewohner dachte wieder an die alltäglichen Dinge des Tages und natürlich an die Ankunft des Drachenreiters. Da dies das einzige war, was Baralan aufgeschnappt hatte, machte er sich auf den Weg zur Bergkette, die nördlich des Dorfes in Sichtweite lag. Dieser Ort war genauso gut wie jeder andere, um mit seiner Suche zu beginnen.

Schnell erreichte er die Bergkette. Trotz der Dunkelheit konnte Baralan genügend erkennen, denn Drachen besaßen hervorragende Augen und konnten im Dunkeln sehr gut sehen. Er flog tief genug, um Einzelheiten am Boden ausmachen zu können. Während er über die Bergkette flog und den Boden absuchte, überlegte er, welcher Ort ihm zugesagt hätte, um sich kurz- oder längerfristig niederzulassen.

Baralan überflog ein Plateau. Auf der Rückseite sah er, etwas tiefer liegend, einen Absatz. Als er den Kopf drehte, konnte er einen Höhleneingang erkennen. Perfekt - die Höhle lag auf der Rückseite des Berges, vom Dorf aus nicht einzusehen, mit einem Felsabsatz zum leichteren Starten und Landen. Diesen Ort würde er wählen, wenn er sich eine Höhle suchen würde.

Baralan flog eine Schleife und landete auf dem Absatz. Er schaute sich um und betrat danach vorsichtig die Höhle.

Ein Gang führte in das Innere des Berges. Nach einiger Zeit erweiterte er sich zu einer großen Höhle. Baralan betrat vorsichtig die Höhle und schaute sich um. Die Höhle wirkte, als sei vor kurzem jemand hier gewesen. So wie es aussah, war dieser Jemand ein Drache gewesen. Was ihn aber völlig erstaunte, war das Feuer in der Mitte der Höhle. Es brannte kräftig und verbreitete eine behagliche Wärme. Erstaunt sah er sich um. Drachen konnte zwar Feuer speien, jedoch war es eigentlich nicht üblich, dass sie ihre Höhle mit einem Feuer beheizten.

Baralan ließ seinen Blick schweifen. Jetzt erkannte er die Zeichen. Es war auch ein Mensch hier in der Höhle gewesen. Plötzlich fing er einen Gedanken auf. Hier war noch jemand. Er schaute nach oben und sah einen Felsvorsprung, auf dem ein großer Felsblock lag. Er streckte den Kopf in die Höhe, und schaute hinter den Felsbrocken. Dahinter hockte, ängstlich zusammengekauert, ein junges Mädchen und starrte ihn an.

"Du bist nicht Chirilun. Was willst Du hier? Es ist seine Höhle. Wenn er Dich hier entdeckt, gibt es nur Ärger." sprudelte sie hervor. "Geh, bevor er Dich sieht."

Baralan wollte gerade beruhigend auf das Mädchen einwirken, als er hinter sich eine Präsenz spürte. Er drehte sich langsam um und blickte in zwei große geschlitzte Augen. Sie gehörten einem großen schwarzen Drachen. Er war unbemerkt hereingekommen, stand jetzt hinter ihm und starrte ihn unverwandt an.


III


Ka'aruan erwachte mitten in der Nacht. Auf seine innere Uhr war Verlass. Er erhob sich von seinem Bett, schlich lautlos zur Tür und lauschte. Da er nichts hörte, öffnete er leise und vorsichtig die Tür einen spaltbreit und spähte in den Gang. Niemand war zu sehen. Ka'aruan schlüpfte lautlos in den Gang, schloss die Tür hinter sich und machte sich auf den Weg, die Burg auszukundschaften.

Er war in einem der oberen Stockwerke untergebracht. Er schlich sich zur Treppe und schaute hinunter. Immer noch niemand zu sehen. Er machte sich auf den Weg nach unten. Er war immer darauf bedacht, keinen Lärm zu machen, um niemanden auf sich aufmerksam zu machen.

Er erreichte das Erdgeschoss. Noch immer war ihm niemand begegnet. Er inspizierte alle Räume gründlich - ohne Ergebnis. Schließlich fand er eine Treppe, die nach unten führte. Das war es, was er gesucht hatte. Wenn überhaupt, würde er unten am ehesten etwas finden. Die Treppe wand sich spiralförmig nach unten. In regelmäßigen Abständen waren Fackeln an den Wänden befestigt.

Als er unten ankam, führten mehrere Gänge in verschiedene Richtungen. Er schaute sich die Gänge genau an. Alle Gänge sahen gleich aus, doch bei genauerem Hinsehen sah einer so aus, als ob hier regelmäßig jemand entlanggehen würde. Die Spinnweben waren zerrissen und im Staub auf dem Boden waren sehr viele Fußabdrücke zu sehen. Er nahm eine Fackel von der Wand und betrat den Gang, alle Sinne zum Zerreißen gespannt.

Der Gang beschrieb mehrere Biegungen und erweiterte sich schließlich in eine große Höhle. Ka'aruan riss die Augen auf. Nicht die Höhle oder die Einrichtung verblüfften ihn, sondern das, was sich in dieser Kammer befand. Vor der gegenüberliegenden Wand, mit einer Kette und einem Halsreif an die Wand gefesselt, lag ein schwarzer Drache. Der Größe nach handelte es sich um ein Jungtier.

Wo kam der denn her? Und wo war seine Mutter? Ka'aruan schaute sich die Höhle genauer an. Auf einem großen Tisch, der in gebührendem Abstand von dem Drachen stand, lagen diverse Schriftrollen in einer Sprache, die Ka'aruan nicht verstand. Diverse Gegenstände legten den Schluss nahe, dass es sich hierbei um magische Utensilien handelt. Behälter mit Pulvern, Kräutern und anderen Substanzen vervollständigten das Bild. Dies musste Faragul's Bereich sein. Aber wie kam der Drache hierher, und warum hielt er ihn gefangen?

Ka'aruan musste unbedingt mehr herausfinden. Er betrat die Höhle und näherte sich vorsichtig dem kleinen schwarzen Drachen. Dieser hörte ihn kommen, öffnete die Augen und wollte gerade anfangen, Flammen zu speien, als er sah, dass die Person, die sich ihm näherte, nicht sein Kerkermeister war. Der Drachenreiter hielt beide Hände offen mit den Handflächen nach vorne, so dass der Drache sehen konnte, dass er nichts darin hielt und sich in friedlicher Absicht näherte.

Der Kleine schnupperte an den Händen, dann ließ er sich zurücksinken und entspannte sich sichtlich. Ka'aruan trat näher und legte ihm vorsichtig die Hand auf den Kopf. Erst zart, dann kräftiger begann er, den Jungdrachen am Kopf zu kraulen. Von Baralan wusste er, an welcher Stelle es die Drachen am liebsten mochten. Die ganze Zeit ließ er nur positive Gedanken in seinem Geist präsent sein, um das Jungtier zu beruhigen.

Der kleine schwarze Drache entspannte sich sichtlich. Ka'aruan hatte das Eis gebrochen. Jetzt musste er nur versuchen, in Kontakt mit dem Kleinen zu treten, damit er erfahren konnte, was geschehen war. Er hatte zwar schon einen Verdacht, doch das war noch kein Beweis. Er konzentrierte sich und dachte an sich und seinen Namen. Immer und immer wieder, damit der Drache diesen Gedanken aufnehmen konnte.

Plötzlich schoss ein Gedanke durch seinen Kopf: MIRILUR !!
Das musste der Name des schwarzen Drachen sein. Es funktionierte. Er konnte mit dem Drachen in Kontakt treten. Zwar war dies nicht so einfach, wie mit seinem Drachen Baralan, aber er war zufrieden. Immerhin war dies ein fremder, ihm unbekannter Drache. Da war es nicht so einfach, einen geistigen Kontakt zu knüpfen und sich zu verständigen.

Ka'aruan sandte weiterhin beruhigende Gedanken an den kleinen Drachen. Nachdem der Drache sich sichtlich entspannt hatte, änderte er seine Gedanken.
Zunächst übermittelte er Gedanken, die ihn und Baralan zusammen zeigten; in verschiedenen Situationen, bei diversen Tätigkeiten. Interessiert hob Mirilur den Kopf und betrachtete den Drachenreiter eingehend.

"Keine Angst Mirilur. Ich bin hier, um Dir zu helfen," sagte Ka'aruan, während er dem kleinen Drachen beruhigende Gedanken sandte.
"Wer hält Dich gefangen?" In seinem Geist beschwor der Drachenreiter das Bild von Faragul herauf. Er kam noch nicht einmal dazu, in seinem Kopf weitere Gedanken entstehen zu lassen, denn Mirilur begann zu fauchen und sich unruhig zu bewegen. Ka'aruan hatte alle Mühe, den Drachen wieder zu beruhigen.

Schließlich gelang es ihm mit viel Geduld und Liebe, den Kleinen soweit zu beruhigen, dass er sich wieder hinlegte. Er inspizierte den Rest der Höhle. An der rechten Wand befand sich ein großes Tor, welches jetzt geschlossen und verriegelt war. Auf diesem Weg musste Faragul den Drachen hier in diese Höhle gebracht haben. Er schob den Riegel beiseite und öffnete das Tor. Er musste wissen, wohin dieser Weg führte. Hastig rannte er den großen Gang entlang, denn er wusste nicht, ob und wann Faragul wieder die Höhle aufsuchen würde.

Er erreichte das Ende des Ganges, welches auf der Rückseite des Berges ins Freie führte. Vom Dorf aus war dieser Gang nicht zu sehen, sondern er führte in das Tal auf der Rückseite, welches unberührt und verlassen war.
Eilig kehrte Ka'aruan zurück in die Höhle, verschloss das Tor und verriegelte es. Anschließend achtete er darauf, alle Spuren zu beseitigen, die darauf hindeuteten, dass er hier gewesen war.

"Nicht traurig sein Mirilur. Ich komme zurück, und dann werde ich Dich befreien. Dein Leiden wird bald ein Ende haben." Der Drachenreiter strich dem schwarzen Drachen noch einmal über den Kopf, dann trat er den Rückweg an.
Er schaffte es, sein Zimmer zu erreichen, ohne das ihn unterwegs jemand sah. Müde ließ er sich auf das Bett fallen. Seine Gedanken rasten. Mirilur und die Entführung von Sari mussten in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Er würde sehen, was Baralan herausgefunden hatte. Danach konnte er einen Plan zur Befreiung des kleinen Drachen schmieden. Kurz darauf war Ka'aruan eingeschlafen.


IV


Baralan rührte sich nicht, sondern starrte seinerseits den großen schwarzen Drachen an. Dann räusperte er sich und fauchte in der Drachensprache:
"Mein Name ist Baralan. Ich bin auf der Suche nach Sari - und dem Drachen, der sie entführt hat." Gleichzeitig übermittelte er Sari diese Worte durch seine Gedankenkraft, um sie zu beruhigen. "Sag mir, was geschehen ist. Ich bin hier, um zu helfen, genau so wie mein Freund Ka'aruan. Er ist ein Drachenreiter und wir wurden gerufen, weil angeblich die Tochter des Fürsten von einem Drachen entführt wurde."

Der große schwarze Drache entspannte sich und erwiderte:
"Ich heiße Chirilun. Ich habe Sari nicht entführt. Sie ist freiwillig hier, weil sie mir helfen wollte, mein Kind zurückzubekommen."

"Dein Kind?" fragte Baralan.

"Ja - mein Kind, welches ein Mann aus der Burg entführt hat. Mirilur - so heißt mein Kleiner - war in das Tal hinter dem Berg, auf dem die Burg liegt, geflogen, weil es ihm dort sehr gut gefällt. Ich war in der Zwischenzeit jagen, so dass er dort alleine war. Aber ich machte mir keine Sorgen, denn schließlich war das Tal unbewohnt und ruhig. Nach beendeter Jagd flog ich in das Tal, um Mirilur zu holen, aber er war verschwunden. Ich habe das ganze Tal abgesucht, aber vergeblich. Ich wollte zur Burg fliegen, als Sari hinter einem Busch auftauchte."

Baralan schaute zu Sari, welche die ganze Zeit nickend zugehört hatte.
"Es stimmt - ich bin den ganzen Tag im Tal gewesen," bestätigte Sari. "Und ich habe gesehen, was geschehen ist. Das Tal ist mein Lieblingsplatz, denn er liegt nahe an der Burg und ist trotzdem menschenleer. Ich gehe oft dorthin, um meinen Gedanken nachzuhängen und für mich zu sein.

So war es auch an diesem Tag. Ich lag unter einem Baum im Schatten, als ich plötzlich Flügelschlagen hörte. Ich huschte hinter einen Busch und versteckte mich. Ein kleiner schwarzer Drache flog in das Tal und landete unweit der Felswand auf der Wiese. Er schaute sich um, dann suchte er sich ein sonniges Plätzchen auf der Wiese, legte sich hin und schlief ein.

Ich traute mich nicht weg, außerdem war ich so dermaßen von dem Drachen fasziniert, dass ich auf meinem Baum hocken blieb. So konnte ich sehen, wie Faragul, der Hofmagier und Berater meines Vaters, nach einiger Zeit aus einem Gang in der Bergwand trat. Er sah Mirilur dort auf der Wiese liegen. Er hat ihn einige Zeit beobachtet und sich häufig umgesehen. Als nichts geschah, ging er näher an Mirilur heran.

Ich sah ihn einige Gesten ausführen und ich konnte Wort in einer mir unbekannten Sprache hören. Ich konnte allerdings nicht erkennen, was geschah. Doch irgendwie überkam mich eine bleierne Müdigkeit. Nur mit Mühe konnte ich meine Augen offen halten. Schließlich sprach Faragul einen anderen Spruch, und der kleine Drache begann zu schweben. Dass er nicht selber flog, war an den herunterhängenden Gliedmaßen und Flügeln zu erkennen. Er musste immer noch schlafen.

Faragul dirigierte den schwebenden Drachen in den Gang und verschwand mit ihm. Ich traute mich nicht hinterher, denn ich wollte nicht entdeckt werden. Als schließlich Chirilun auftauchte und Mirilur suchte, war mir sofort klar, dass sie seine Mutter sein muss. Ich trat auf sie zu und habe ihr alles erzählt, was ich gesehen habe."

"Aber warum hast Du Sari nicht sofort mitgenommen?" fragte Baralan.

"Weil es dann niemand gesehen hätte. Und wer weiß, was dann mit meinem Kleinen passiert wäre," erwiderte Chirilun. "Es war Sari's Idee, die Entführung am nächsten Tag beim Picknick zu inszenieren."

"Ja. Ich wollte, dass mein Vater die Drachenreiter um Hilfe bittet. Und Faragul konnte dem kleinen Drachen nichts tun, denn sonst hätte er meinen Tod riskiert. Er konnte ja nicht wissen, dass Chirilun mir kein Haar krümmen würde."

Baralan staunte. Sari hatte mutig von sich aus einen Drachen angesprochen, und ihm ihre Hilfe angeboten. Sie hatte ihn sogar von ihrem Plan überzeugen können. So etwas war nicht einfach, denn Drachen hatten üblicherweise ihren eigenen Kopf. Dieses Mädchen hatte Talent im Umgang mit Drachen.

"Ich bin hier, um zu helfen, und genau das werde ich tun. Ich fliege zurück zu Ka'aruan. Er muss von dieser Sache erfahren. Anschließend werden wir uns um Mirilur und seine Befreiung kümmern. Und Faragul wird seine gerechte Strafe erhalten. Bitte wartet hier auf mich. Ich werde mit meinem Drachenreiter zurückkehren. Vertraut mir. Ich werde Euer Versteck niemandem verraten, und Ka'aruan auch nicht."

Baralan erhob sich. Chirilun musterte ihn einen Moment lang, dann machte sie den Weg frei, und Baralan konnte sich auf den Weg Richtung Ausgang machen. Er schaute kurz zurück, dann verließ er die Höhle. Hier war schnelle Hilfe erforderlich. Ka'aruan musste von der Entführung Mirilurs erfahren.

Er spreizte die Flügel und machte sich auf den Weg zurück zur Burg.


V


Als Ka'aruan erwachte, war die Sonne bereits aufgegangen. Er erhob sich, wusch sich ausgiebig und nahm ein kurzes Frühstück zu sich, welches ihm ein Diener ins Zimmer gestellt hatte. Anschließend legte er seine Rüstung an, schnallte sich "Drachentöter" auf den Rücken und machte sich auf den Weg in den Burghof, um zu sehen, ob Baralan schon zurück war.

Sein Drache erwartete ihn schon und begrüßte ihn mit einem freudigen Fauchen. Das war jedoch nur für die Zuschauer. Auf geistiger Ebene teilte ihm Baralan direkt mit, dass er einiges in Erfahrung gebracht hatte. Auch Ka'aruan übermittelte seinem Drachen, dass er Neuigkeiten hatte.

"Lass uns losfliegen und das Mädchen suchen," sagte er laut. Er stieg auf Baralan's Rücken und dieser flog mit ihm los. Ka'aruan überließ es seinem Drachen, ein ruhiges Plätzchen zu finden, wo sie beide ihre Informationen austauschen konnten. Baralan flog Richtung Westen und fand bald ein Waldstück mit einer ruhigen Lichtung. Dort landete er und ließ seinen Freund absteigen.

"Du oder ich?" fragte Ka'aruan seinen Drachen.
Das geistige Äquivalent eines Lächelns war in Baralan's Geist, als er antwortete: "Du zuerst mein Freund."

Ka'aruan konzentrierte sich und übermittelte seinem Drachen geistig, was er herausgefunden hatte. Als er fertig war, begann Baralan auf die gleiche Art, ihm seine Feststellungen mitzuteilen. Nachdem beide fertig waren, saß Ka'aruan einige Zeit wortlos da und fügte alles zu einem Bild zusammen.

"Unterbrich mich, wenn ich verkehrt liege," sagte er laut. Baralan wusste, dass Ka'aruan seine Schlussfolgerungen am liebsten aussprach und nicht geistig übermittelte. Er nickte mit seinem mächtigen Kopf und hörte zu.

"Chirilun und Mirilur sind Mutter und Sohn. Sie kamen gemeinsam hier an und habe nichts Böses getan. Eines Tages, als Chirilun auf Jagd war, hat Faragul die Gelegenheit genutzt, und den schlafenden Mirilur in einen Zauberschlaf versetzt. Danach brachte er ihn ein die Höhle unter der Burg und hält ihn seitdem dort gefangen.

Sari hatte das alles beobachtet. Als Chirilun von der Jagd zurückkehrte und ihr Kind suchte, sprach sie den Drachen an, erzählte ihm alles und unterbreitete ihm sogar ihren Plan. Der Drache hat dann Sari "entführt" und sie sozusagen als Pfand behalten. Der Fürst wandte sich an die Drachenreiter um Hilfe, als seine Tochter nirgendwo gefunden wurde. Dies allein hält Faragul davon ab, dem Kleinen irgend etwas anzutun.

Soweit richtig?" Baralan nickte nur. "Aber wo ist das Motiv? Was will Faragul mit einem Jungdrachen anfangen?"

"Magie wirken," erwiderte Baralan. "Wir Drachen sind magische Wesen und können als Katalysator für magische Rituale dienen. Du sagtest selbst, dass in der Höhle Schriftrollen in einer Dir unbekannten Sprache lagen. Ich bin sicher, dass Faragul irgend etwas in dieser Art vorhat. Ein besonderes magisches Ritual."

Ka'aruan nickte gedankenverloren. "Du könntest Recht haben. Jetzt müssen wir uns was einfallen lassen, um Faragul unschädlich zu machen, Mirilur zu befreien und Sari zurück zu Fürst Resan zu bringen. Er braucht ja nichts davon erfahren, dass das Ganze Sari's Idee war. Was hältst Du von diesem Plan?"
Schnell übermittelte er seinem Drachen, was er sich überlegt hatte. Baralan nickte. Der Plan gefiel ihm. Faragul würde die Überraschung seines Lebens erleben.


VI


Am frühen Abend kehrten die beiden zur Burg zurück. Ka'aruan war gerade abgestiegen, da flog Baralan auch schon wieder los. Der Drachenreiter marschierte in die Burg und wollte gerade zu seinem Zimmer, als ihm ein Diener mitteilte, dass der Fürst ihn zum Essen erwarte. Ka'aruan nickte und erbat sich einige Minuten, um sich frisch zu machen. Er ging auf sein Zimmer, wo er sich kurz wusch und die Rüstung gegen bequemere Lederkleidung austauschte. An diversen Stellen brachte er kleine Waffen versteckt unter.

So gewappnet, machte er sich auf den Weg zum Saal, wo auch am vorherigen Tag das Essen stattgefunden hatte. Er wurde von einem gut gelaunten Fürst Resan erwartet, der ihm gebot, an der Tafel Platz zu nehmen. Es waren die gleichen Personen wie am Tag zuvor anwesend. Selbst Faragul war da.

"Nun Drachenreiter. Konntet Ihr schon etwas herausfinden?" fragte der Fürst.

"Ich habe heute die Bewegungen des schwarzen Drachen verfolgt," log Ka'aruan. "Ich bin sicher, dass ich ihn bald finden werde, denn ich habe heute viele Spuren von ihm gesehen, und ich glaube, dass ich ihm ein gutes Stück näher gekommen bin."
Schnell erfand Ka'aruan noch einige Einzelheiten, die den Fürsten zufrieden stellten.

"Ich wusste, dass auf Euch Verlass ist," meinte der Fürst noch, bevor er wieder ein opulentes Mahl servieren ließ. Ka'aruan griff zu und ließ es sich schmecken. Diesmal hielt er sich auch beim Wein nicht zurück, zumindest tat er so, denn er trank nicht alles. Ein großer Teil des Weines landete unter dem Tisch auf den Boden, während er mit zunehmender Dauer den Betrunkenen mimte.

Aus den Augenwinkeln beobachtete er Faragul, der ihm gegenüber saß. Zu späterer Stunde lies er immer wieder seinen Kopf auf die Tischplatte sinken, ganz so, als wäre er zu betrunken, um sich noch wach halten zu können. Das Grinsen in Faraguls Gesicht sah er sehr wohl, als er schließlich so tat, als wäre er im Rausch eingeschlafen.

Der Fürst, selber nicht mehr ganz nüchtern, bedeutete einigen Dienern, den Drachenreiter auf sein Zimmer zu bringen. Aus den Augenwinkeln bekam Ka'aruan noch mit, wie Faragul wartete, bis der Fürst den Raum verlassen hatte. Dann erhob er sich und marschierte Richtung Treppe. Der Drachenreiter ließ sich auf sein Zimmer bringen und auf das Bett legen. Er spielte immer noch den Betrunkenen.

Nachdem die Diener das Zimmer verlassen hatte, sprang er auf und legte wieder seine Rüstung an. Man konnte nie wissen. Sein Schwert nahm er ebenfalls mit. Leise öffnete er die Tür, spähte in den Gang und verließ das Zimmer, als er niemanden auf dem Gang sah. Er erreichte das Erdgeschoss und die nach unten führende Treppe wieder, ohne dass ihm jemand begegnete.

Schnell eilte er nach unten und nahm den Gang Richtung Höhle, diesmal allerdings ohne eine Fackel mitzunehmen, denn er wollte Faragul nicht frühzeitig warnen. Schon von weitem konnte er ihn in einer fremden Sprache sprechen und singen hören. Er musste das Ritual begonnen haben. Ka'aruan beeilte sich, die Höhle zu erreichen.

Nach der letzten Biegung konnte er in die Höhle schauen. Er sah Faragul, mit dem Rücken zu ihm, vertieft in ein magisches Ritual. Mirilur's Kette war ganz kurz gehalten, so dass der kleine Drache keinerlei Bewegungsfreiheit mehr hatte. Es war allerhöchste Zeit, dass er etwas unternahm. Er trat in die Höhle.

"Faragul - Was macht Ihr da?"

Der Magier zuckte zusammen, unterbrach sein Ritual und drehte sich zu Ka'aruan um. "Ich denke, hier haben wir den Grund für Sari's Entführung. Was habt Ihr Euch bloß dabei gedacht Magier?"

"Das geht Euch nichts an, denn es übersteigt Euren Horizont Drachenreiter. Aber ich kann hier keine Zeugen gebrauchen, deshalb werdet Ihr jetzt sterben."
Der Magier hob seine Hände und aus ihnen schoss ein Feuerball auf Ka'aruan zu. In einer geschmeidigen Bewegung zog dieser sein Schwert "Drachentöter" Drachentöter und schwang es gegen den Feuerball. Als die Schwertspitze den Feuerball traf, verpuffte dieser, von dem magischen Schwert neutralisiert. Gleichzeitig bewegte er sich auf das verriegelte Tor zu. Unterwegs wehrte er mit "Drachentöter" 2 weitere Feuerbälle ab. Gut, dass sein Schwert eine magische Waffe war, ansonsten wäre er schon längst gegrillt worden.

Nachdem er einen weiteren Feuerball abgewehrt hatte, drehte er sich herum und durchschlug mit seinem Schwert den Riegel, der das Tor verschloss. Er trat das Tor auf und bewegte sich sofort wieder in die entgegengesetzte Richtung. Faragul, der ihn verfolgte, bekam zu spät mit dass Baralan, der vor dem Tor gewartet hatte, wie es Ka'aruan's Plan vorsah, die Höhle betrat.
Drache und Reiter bewegten sich in entgegengesetzte Richtungen, um den Magier in die Zange zu nehmen. Dieser ließ die beiden nicht aus den Augen, und bewegte sich langsam auf das Tor zu, welches anscheinend beide völlig außer acht gelassen hatten.

Als er mit dem Rücken zum Tor stand, schickte er noch einmal 2 Feuerbälle Richtung Baralan und Ka'aruan, um sie zu beschäftigen. Während beide durch die Feuerbälle abgelenkt waren, dreht er sich um und wollte gerade in den Gang rennen, als er erstarrte. Der Gang wurde von einem großen schwarzen Drachen versperrt. Chirilun war Baralan gefolgt und jetzt ragte sie vor dem Magier auf, als sie ihren mächtigen Körper in die Höhle schob.

Faragul starrte wie paralysiert auf den großen Drachen. Als Chirilun ihren Kleinen erblickte, wie er an die Höhlenwand gekettet war, gab es kein Halten mehr für sie. Ehe Ka'aruan irgend etwas unternehmen konnte, beugte sie sich zu Faragul, schloss ihre mächtigen Kiefer um ihn und biss zu. Sein Rückgrat brach mit einem lauten Knacken. Chirilun spuckte den Leichnam aus, als wäre er vergiftet.

Ka'aruan schaute den Drachen schulterzuckend an, dann befreite er Mirilur. Der kleine Drache kuschelt sich sofort an seine Mutter, die ihn sanft begrüßte. Der Drachenreiter schaute zu Chirilun.
"Ich glaube, Du bist mit dem Ergebnis zufrieden. Dein Kleiner ist wohlauf, und der Magier hat seine Strafe erhalten, auch wenn er nicht vor Gericht gestellt wurde."
Chirilun nickte mit ihrem mächtigen Schädel.

"Dann kann Sari wieder zurück zum Fürsten. Und Euch steht es frei, Eures Weges zu ziehen." Chirilun nickte erneut und wandte sich zum Gehen. Mit Mirilur verließ sie die Höhle und überließ es Ka'aruan, sich um den Rest zu kümmern. Baralan übermittelte ihm, dass Sari im Tal auf der Rückseite wartete. So hatte es Chirilun ihm gesagt.

Ka'aruan überlegte kurz, dann nahm er die Schriftrollen, auf denen das magische Ritual niedergeschrieben war, an sich. Faragul's Leichnam ließ er liegen. Sollte sich Fürst Resan um ihn kümmern. Er verließt mit Baralan die Höhle durch den Gang und trat ins Tal. Dort legte er die Schriftrollen auf einen Haufen und schaute kurz zu seinem Drachen. Der verstand und noch während Ka'aruan zurücktrat, äscherte Baralan die Schriftrollen mit einem Flammenstoß ein.

Jetzt konnte niemand mehr in Versuchung geraten, ein solches Ritual durchzuführen. Er hatte zwar nicht erfahren, was für ein Ritual der Magier hatte durchführen wollen, aber das war auch unerheblich. Er hatte Unrecht getan, indem er einen Jungdrachen entführte. Kein wie auch immer geartetes Ritual konnte solch eine Verhaltensweise rechtfertigen.

Er schritt zu Sari, nahm sie bei der Hand und führte sie zu Baralan, der sich niederließ, damit beide aufsteigen konnten. Sari würde für ihr mutiges Verhalten einen Drachenritt erhalten. Und er würde den Drachenreitern davon berichten, wie sie es mit einem Großdrachen aufgenommen und ihm geholfen hatte. Seiner Meinung nach hatte sie das Zeug zu einer Drachenreiterin.

Fürst Resan brauchte sich also nicht wundern, wenn er bald wieder von Drachenreitern beehrt wurde.
Er stieg mit Sari auf Baralans Rücken und flog gemeinsam mit ihr zur Burg. Ihr glückliches Lachen während des Fluges bestätigte ihn in seiner Meinung.

Nachdem er sie wohlbehalten beim Fürsten abgeliefert, und diesem die ganze Geschichte erzählt hatte, schwang er sich nach einem kurzen Abschied wieder auf Baralans Rücken. Dieser erhob sich in die Lüfte, kreiste einige Male über der Burg und flog wieder Richtung Heimat.

Wieder genoss Ka'aruan den das Gefühl des Windes, der durch sein langes Haar fuhr.Er war zufrieden. Er hatte dafür gesorgt, dass seine Hilfe weiter zum positiven Ruf der Drachenreiter beitrug.
Die Legende der Drachenreiter hatte ein neues Mosaiksteinchen bekommen.

geschrieben von:
Ryanthusar
Copyright 2001 by Georgios Vasiliou







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